Heinz-Peter Haustein, FDP -

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Mittwoch, 10. März 2010
26.06.2009

Bürgermeister holt 100 % bei Wahl


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Quelle: Express, 26.06.2009 - www.express.de

Die Welt, 20. Juni 2009

Liberaler Bernstein

Von Thorsten Jungholt

Deutschneudorf hat zu 100 Prozent FDP gewählt - wegen eines Bürgermeisters, der Arbeitsplätze schafft und ein seltsames Hobby hat: die Schatzsuche

Leise dudeln Schlager im "Gasthaus an der Kirche" in Deutschneudorf, Roland Kaiser singt von Tränen und Sehnsucht. Nur ein Besucherpärchen wartet auf Kaffee und Kuchen. "Das Geschäft könnte besser gehen", sagt Mandy Wagner, die das Lokal mit ihren Schwiegereltern betreibt.

Zu DDR-Zeiten sei mehr Betrieb gewesen. Aber mit der Wende wurde der VEB Leuchtenbau abgewickelt, und mit ihm 1000 Arbeitsplätze. Deutschneudorf, einer kleinen Gemeinde im Erzgebirge an der tschechischen Grenze mit heute 1200 Einwohnern, war das wirtschaftliche Rückgrat gebrochen. Die Wagners mussten neulich ihren zweiten Betrieb schließen, eine Fleischerei, "es hat sich nicht mehr gerechnet". Um ihr Gasthaus aber wollen sie kämpfen, und dabei erwarten sie Hilfe: "Der Staat muss mehr für uns tun."

DDR-Nostalgie, verbunden mit Staatsgläubigkeit: Das ist der Humus, auf dem anderswo die Zustimmung für die Linke gedeiht. Doch die Wagners haben sich vor zwei Wochen bei der Kommunalwahl nicht für die Postkommunisten entschieden. Sie haben FDP gewählt. Wie alle 575 Deutschneudorfer, die über den Gemeinderat abgestimmt haben. Das machte 100 Prozent Zustimmung. Zwölf von zwölf Sitzen gingen an die Liberalen, andere Parteien traten mangels Erfolgsaussichten gar nicht erst an.

Nirgendwo sonst in der Republik hat die FDP ein vergleichbares Ergebnis vorzuweisen. Ist Deutschneudorf also ein Hort des Liberalismus? Haben die Bürger ihren Friedrich von Hayek gelesen? Oder zumindest das Parteiprogramm der FDP? Nicht nur bei den Wagners können dem Besucher da Zweifel kommen. "In einem Dorf wie unserem sind den Leuten Parteien und Programme egal", sagt Wolfgang Braun, der eine Werkstatt für erzgebirgische Holzkunst betreibt. "Wir wählen Menschen, die sich um die Probleme vor Ort kümmern." In Deutschneudorf heißt das: Alle wählen Heinz-Peter Haustein.

Denn der kümmert sich um alles. Seit 1990 ist der 54-Jährige in der FDP, seit 1994 Bürgermeister, seit 2005 Bundestagsabgeordneter. Er ist Mitglied im Posaunenchor, im Erzgebirgsverein, im Sportklub Blau-Weiß und Hauptlöschmeister der Feuerwehr. Vor allem aber ist Haustein Unternehmer mit Leib und Seele. Schon 1986 hatte er sich als Elektriker selbstständig gemacht. "In der DDR-Mangelwirtschaft war das eine Tortur, aber mein Motto ist: Besser kleiner Herr als großer Knecht", sagt Haustein. Vier Mitarbeiter hatte er zur Wendezeit, heute sind es 150. Damit ist er der größte Arbeitgeber im Ort.

Haustein, ein Hüne von einem Mann, ist das Bild, das sich die Deutschneudorfer von der FDP machen. "Die Leute hier mögen nicht immer definieren können, was liberal ist. Aber sie sehen, was ich tue", sagt Haustein. Und wenn das nicht reicht, erklärt er es ihnen. Natürlich gebe es Bürger, die in DDR-Nostalgie schwelgen: "Die muss man dann daran erinnern, dass sie zwölf Jahre auf ein Auto warten mussten. Dass wir auf 108 000 Quadratkilometern lebten, umzäunt von Stacheldraht. Und wenn du rauswolltest, wurdest du erschossen oder eingesperrt." Freiheit ist ein abstraktes Wort, Haustein kann es übersetzen.

Und nicht nur ein Redner ist er, sondern auch Macher. "Wenn ich ein Problem habe, weiß ich: Ich kann zum Haustein gehen", sagt Horst Wagner, Inhaber des Gasthofs "Oberlochmühle". Der Bürgermeister habe Kanalisation und Stromnetz in Schuss gebracht. Demnächst soll ein Pflegeheim eröffnen, mit 45 Arbeitsplätzen. Haustein kümmert sich auch um die deutsch-tschechische Versöhnung, dem binationalen Kindergarten soll eine Grundschule folgen.

Nur an ein Projekt ihres Hans Dampf in allen Gassen mögen die Deutschneudorfer nicht so recht glauben: die Suche nach dem Bernsteinzimmer. Seit zehn Jahren lässt Haustein die alten Bergwerksstollen seines Ortes nach dem legendären, im Zweiten Weltkrieg verschwundenen Schatz durchwühlen. "Für mich ist es eine Gewissheit, dass wir etwas finden werden", sagt Haustein. Es gebe Augenzeugen, die gegen Kriegsende beobachtet hätten, wie Soldaten schwere Kisten in die alten Flöze schleppten. Vorigen Sommer lockte eine Bernsteinbohrung Fernsehteams aus aller Welt an, die bei der angeblichen Schatzhebung dabei sein wollten. Gefunden wurde: nichts.

Haustein wird weiter graben. Seine Bürger schmunzeln und lassen ihn gewähren. Denn selbst wenn er nichts findet: Die leer geräumten Stollen sind längst zu einem Schaubergwerk ausgebaut, damit lassen sich Touristen anlocken. Und die Buddelei ist eine glänzende Werbung für Deutschneudorf.

Der Berliner FDP-Zentrale ist der Ort ohnehin ein Begriff. Nach den Kommunalwahlen rief sogar der Vorsitzende Westerwelle an, um sich für den Impuls aus Sachsen zu bedanken: "Hier ist der Guido. Gratuliere dir, freue mich sehr." Der Parteichef, sagt Heinz-Peter Haustein, wisse den Wert eines liberalen Bernsteins eben zu schätzen.



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