Heinz-Peter Haustein, FDP -

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Mittwoch, 17. März 2010

Meine Heimat - Deutschneudorf

Inmitten der sanften Hügellandschaft des erzgebirgischen Gebirgskammes, unweit des Spielzeugdorfes Seiffen, liegt 664 m über NN das idyllische Deutschneudorf. Durch das Flüsschen Schweinitz wird das Grenzdorf vom tschechischen Nachbarland getrennt. In der Gemeinde, zu der auch die Ortsteile Deutscheinsiedel, Oberlochmühle, Brüderwiese Deutschkatharinenberg gehören, leben 1.200 Einwohner.



Deutschneudorf ist umgeben von Wiesen und Wäldern, die im Winter schneebedeckt in der Sonne glitzernd Schlittenfahrten und Schneeballschlachten Raum bieten und im Sommer saftig grün und blumig bunt zu Wanderungen oder Radtouren einladen. Auf den gut ausgebauten und ausgeschilderten Wegen sind zum Beispiel Touren in die tschechischen Nachbarorte Gebirgsneudorf (Nová Ves v Horách), Sankt Katharinaberg (Hora Svaté Kateřiny) und Böhmisch-Einsiedl (Mníšek) möglich. Aber auch Deutschneudorf selbst bietet Ruhe und Entspannung, sei es in den beiden Biotopen des Ortes oder am Schwarzen Teich.

Im Jahre 1673 wurde Deutschneudorf erstmals urkundlich erwähnt. Der Bergbau war es, der im 17. Jahrhundert böhmische Exulanten in die Region zog, ihnen Arbeit gab und eine Perspektive bot. Heute leistet der Bergbau zum Lebensunterhalt der Deutschneudorfer nur noch einen geringen Beitrag. Die ortsansässigen kleinen und mittelgroßen Unternehmen sind vor allem im Holzgewerbe tätig. Von der Vergangenheit des Ortes zeugt aber der Fortuna-Stollen, der heute als Besucherbergwerk dient. Er gibt Einblick in die harte und beschwerliche Arbeit der Bergleute, die sich tagein-tagaus mit einfachem Handwerkszeug Millimeter für Millimeter vorwärts graben mussten. Oft sahen sie wochenlang kein Tageslicht, mussten sie doch noch vor Sonnenaufgang in der Zeche sein und kamen erst nach Sonnenuntergang zurück, unter Tage nur begleitet von winzigen Lämpchen, die kaum die Hand vor Augen erkennen ließen. Diese Vergangenheit hat die Deutschneudorfer geformt. Sie sind genügsame, fleißige und bescheidene Menschen, die sich nicht vor Arbeit scheuen und stets hilfsbereit sind.

Der Bergbau spielt zwar heute in seiner traditionellen Funktion in Deutschneudorf keine große Rolle mehr, gleichwohl kommt ihm eine besondere Bedeutung in touristischer Hinsicht zu, vor allem in jüngster Vergangenheit. Das kleine Erzgebirgsdorf erlangte in den letzten Jahren immer wieder bundesweite Medienaufmerksamkeit, da in den letzten Kriegsmonaten von den Nationalsozialisten in den stillgelegten Bergwerksstollen Kunstgüter, Dokumente und Devisen eingelagert worden sind, darunter auch das legendäre Bernsteinzimmer, bzw. Teile davon. (Mehr dazu unter der Rubrik „Bernsteinzimmer“) Aber nicht nur unter Tage können Touristen Interessantes entdecken. Auch erdoberflächlich gibt es einiges zu besichtigen, zum Beispiel das Wasserkraftdrehwerk „Hintere Mühle“, das Haus der erzgebirgischen Tradition „Alte Schule“ oder die 1736 geweihte Kirche. Zudem kann in zahlreichen Deutschneudorfer Geschäften und Werkstätten beobachtet werden, wie in liebevoller Kleinarbeit das traditionelle erzgebirgische Kunsthandwerk ausgeübt wird und Dekoratives aller Art und Spielzeug hergestellt wird. Natürlich kann dort in den den Werkstätten angeschlossenen Läden alles auch genau betrachtet und für zu Hause käuflich erworben werden.


An einige der bittersten Tage in der Dorfchronik erinnert die Gedenkstätte „9. Juni 1945“. An diesem Tage hatten sich sämtliche männlichen Einwohner von Komotau im Alter von 13 bis 65 Jahren auf den Jahnspielplätzen einzufinden. Viele wurden vor Ort gefoltert und erschossen, die meisten der 8.000 Männer wurden gezwungen, einen brutalen Todesmarsch über den Kamm des Erzgebirges nach Gebirgsneudorf und von dort nach Deutschneudorf anzutreten. Viele Männer mussten auf diesem Weg ihr Leben lassen. In Deutschneudorf verweigerten die Russen den weiteren Grenzübertritt.

An der Stelle in der Dorfmitte, an der heute der zwei Tonnen schwere Gedenkstein aus erzgebirgischem Granit steht, verbrachten die Komotauer Männer hungernd und frierend drei Nächte in Todesangst. Am 12. Juni schließlich wurden die Überlebenden in die Arbeitslager nach Maltheuern bei Brüx (heute Most) getrieben. Die meisten kehrten nie von dort zurück. Die Gedenktafel vor dem mit einem Bronzerelief von Adolf Sachs verzierten Gedenkstein erinnert an die Komotauer Männer, aber auch an die vielen gemarterter Frauen, die Toten im KZ Glashütte und an alle Opfer der Vertreibung der Sudetendeutschen. Die Deutschneudorfer Gedenkstätte „9. Juni 1945“ ist ein Denkmal gegen das Vergessen. Sie regt zum Innehalten und Nachdenken an und mahnt stets, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.

Die bittere Vergangenheit Deutschneudorfs ist in den Köpfen vieler vor allem auch älterer Deutschneudorfer noch sehr präsent. Die Bewohner des Bergdorfes haben sich aber nie unterkriegen lassen. Mit vereinten Kräften haben sie dem Dorf zu neuem Glanz verholfen. Gerade in den letzten Jahren konnte viel erreicht werden. Natürlich hat Deutschneudorf mit den typischen Problemen strukturschwacher Regionen zu kämpfen. Nichts desto trotz wird hart und erfolgreich gegen Abwanderungstendenzen gekämpft. So sind in der letzten Zeit die eingangs genannten Biotope und gepflegten Wege entstanden, ebenso wie ein Feuerwehr-Gerätehaus, in dem seit kurzem auch ein neues Tanklöschfahrzeug zur Verfügung steht. Nicht zu vergessen ist auch das Huthaus, von dem aus man in das Besucherbergwerk gelangt. Das Huthaus, in dem bis zu 200 Gäste Platz haben, kann für die unterschiedlichsten Veranstaltungen genutzt werden, vom Familienfest über die Firmentagung bis hin zur Mettenschicht. Bei letzterer handelt es sich um einen alten bergmännischen Brauch. Mit einem Klopfzeichen beendete der Steiger die letzte vor Weihnachten eingefahrene Schicht, er klopfte die Bergleute vorzeitig heraus. Traditionell wurde anschließend im reichlich geschmückten Huthaus gefeiert, gesungen, getrunken und gegessen. Dieser Brauch wird noch heute im Deutschneudorfer Huthaus bei Weihnachtsfeiern aufgegriffen. Neben den Feiern gibt es dort auch noch einiges zu bestaunen, z. B. eine 220-PS-Kolbendampfmaschine mit AEG-Schwungradgenerator aus dem Jahre 1922 oder eine Schachtkaue übertage.

Eine besonders wichtige Rolle um Deutschneudorf „zukunftsfest“ zu machen, spielt der deutsch-tschechische Kindergarten, dem bald auch eine bilinguale Grundschule folgen soll. Qualitativ hochwertige Bildungsangebote sind eine entscheidende Voraussetzung, um Abwanderung zu verhindern. Das pädagogische Konzept des Kindergartens ist vor allem deshalb hervorzuheben, da die Kinder aus Deutschland und der Tschechischen Republik auf spielerische Weise nicht nur den Umgang mit der jeweils anderen Kultur, sondern auch die jeweils andere Sprache erlernen. Gerade in der Grenzregion Deutschneudorf ist Bilingualität und ein unbefangener Umgang mit den tschechischen Nachbarn immens wichtig. Und dies umso mehr, als es nicht nur um das Zusammenleben geht, sondern auch um wirtschaftliche Kooperationen, die der Region zu Gute kommen, Arbeitsplätze- und Ausbildungsplätze sichern und entstehen lassen und Abwanderung verhindern.

Deutschneudorf ist also geprägt von Tradition und Moderne. Auf der einen Seite Investitionen in die Zukunft, auf der anderen Seite die Pflege des sächsisch-erzgebirgischen und sudeten-deutschen Brauchtums. Die Kochkunst zum Beispiel bietet privat oder in Gaststätten wie dem Huthaus viele typische Gerichte der Region und auch die Freizeitgestaltung der Deutschneudorfer beinhaltet mit Klöppelzirkeln, Erzgebirgszweigverein und Bauerntheater viele traditionelle Elemente. Vor allem in der Weihnachtszeit wird an alte Traditionen angeknüpft. In jedem Deutschneudorfer Fenster sieht man kleine Bergmänner und Engel im Kerzenschein – sie verdeutlichen bis heute die Sehnsucht der Bergleute nach dem Licht, das sie durch die langen Arbeitstage untertage kaum zu Gesicht bekamen. Nicht nur in der Weihnachtszeit ist Deutschneudorf daher einen Besuch wert. Das ganze Jahr über gibt es viel zu entdecken. Gewiss verstehen Sie nach einem Besuch in Deutschneudorf, warum ich meiner Heimat so verbunden bin. Ich würde mich freuen, Sie bald einmal in Deutschneudorf begrüßen zu dürfen!


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